Interview: 

Häusliche Pflege ist meist Frauensache

Hier greift das althergebrachte Rollenbild, sagt Nicole Bühler von der Stadt Ellwangen

Die Leiterin des Sozialen Bereichs der Stadt Ellwangen, Nicole Bühler.
(Foto: gäss) 

Es kommt nicht von ungefähr, dass die meisten pflegenden Angehörigen weiblich sind.

Redakteurin Sylvia Möcklin sprach darüber mit der Leiterin des Sozialen Bereichs und Beauftragten für Familien, Frauen, Jugend und Senioren, Nicole Bühler.


Können Sie bestätigen, dass mehr Frauen die häusliche Pflege eines Angehörigen übernehmen als Männer?
Ja, die meisten Anfragen bei mir für eine Beratung kommen von weiblichen pflegenden Angehörigen. Ganz geringfügig melden sich auch Männer zu Wort. Als Beauftragte für Familien, Frauen, Senioren und Soziales bin ich Ansprechpartnerin für alle Personengruppen, die eine Beratung im sozialen Bereich möchten.

Woran liegt es, dass meist Frauen zuhause die Pflege übernehmen?
Wir haben es mit dem althergebrachten Rollenbild zu tun, das zeigt sich nach wie vor ganz deutlich. Demnach sind Frauen für die Care-Arbeit zuständig. Für die Familie da zu sein, sich zu kümmern, hilfsbereit zu sein, wird hauptsächlich den Frauen zugeschrieben.

Gilt das auch für die Familie des Ehemannes?
Das ist miteinander verknüpft. Oft hatte die Frau bereits die Kindererziehung übernommen. Dafür hatte sie eine Auszeit vom Beruf genommen und ist später meist in Teilzeit in den Beruf zurückgekehrt. Die Männer üben ihren Beruf dagegen meist dauerhaft in Vollzeit aus. Deshalb ist es oft naheliegend in Betracht zu ziehen, dass die Ehefrau nun auch die Pflege der Eltern oder der Schwiegereltern übernimmt. Allerdings muss man trotzdem
auch sagen, dass sich auch die Söhne um die Pflege ihrer Eltern kümmern. Aber sie engagieren sich oftmals dahingehend, deren Pflege zu organisieren, wenn eine häusliche Pflege nicht in Betracht kommt. Vermehrt kommen Fragen auf, welche Angebote es gibt, wo sie welche Hilfen erhalten.

Was raten Sie Frauen?
Mein Rat ist geschlechterunabhängig. Jede Person darf selbst entscheiden, inwieweit die Pflege eines Angehörigen für sie in Betracht kommt. Vor der Entscheidung muss klar sein: Was kommt auf mich zu?
Was kann ich selbstständig leisten? Fühle ich mich dazu in der Lage und fit genug? Die Pflege eines Menschen kann körperlich und psychisch sehr anstrengend sein, dass muss man mit bedenken. Wenn man sich das zutraut, sich dafür fit genug fühlt, dann kann es sehr erfüllend sein, einen Angehörigen zu pflegen. Man kann viel Zeit miteinander verbringen, was andernfalls nicht mehr möglich wäre. Aber wenn man an seine Grenzen stößt,
sollte man Hilfe annehmen und sich auch aktiv Hilfe suchen.

Wie kann man die Familie einbinden?
Wenn eine Familie aus mehreren erwachsenen Kindern besteht, rate ich dazu, die Themen gemeinschaftlich zu besprechen, statt dass die hauptsächlich pflegende Person alles alleine entscheiden muss oder kann. Denn oft führen Pflegebedürftigkeit und Tod in einer Familie zu Streit unter den Angehörigen. Dabei spielen sowohl Beziehungsthemen als auch Finanzielles eine Rolle. Deshalb sollte man von vornherein gemeinschaftlich handeln.
Was würden Sie den Männern raten?
Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Männer der Care-Arbeit Anerkennung und Unterstützung entgegenbringen. Dass sie sehen, was die pflegende Person leistet. Auch, wenn die Aufgabe nicht mit Geld honoriert wird, sollte deren Anerkennung deutlich werden. Ich möchte aber auch sagen, dass Männer nicht gänzlich an der Pflegearbeit vorbeigehen. Es gibt auch Männer unter den pflegenden Angehörigen.

Wo erhalten pflegende Angehörige in Ellwangen zusätzlich Rat und Unterstützung?
Beim Pflegestützpunkt, der auch Beratungsstunden in Ellwangen anbietet. Ein gutes Ohr für pflegende Angehörige haben auch der Seniorenrat sowie Christine Class mit dem Gesprächskreis für pflegende Angehörige.

Hier gibt es Infos: Das Beratungsbüro Ellwangen des Pflegestützpunkts Ostalbkreis ist unter
Telefon 07961 / 567-3403 zu erreichen.
Die Supervisorin Christine Class ist erreichbar unter Telefon 07361/32183 oder per E-Mail unter
info@christine-class.de

Ipf- und Jagstzeitung 14.02.2022
 

 

Pflege: Angehörige fordern Unterstützung

Bundestagsabgeordnete Dr. Inge Gräßle hört Frauen aus dem Gesprächskreis zu.

 

Die Gesprächsgruppe für pflegende Angehörige in Aalen (von links):
Sieglinde Abele, Irmgard Schlotterer, die Bundestagsabgeordnete Dr. Inge Gräßle, Supervisorin Christine Class, Rita Groß und Annegret Schatz.
Bei dem Austausch dabei war ebenfalls Margot Wagner, die Sprecherin des Kreisfrauenrats Ostalb. (Foto: Möcklin)


Von Sylvia Möcklin

 

Aalen - Es gibt viele Menschen, die zuhause einen ihrer Angehörigen pflegen. Doch ist wenig von ihnen zu hören. „Pflegende Angehörige laufen unterm Radar“, weiß die Supervisorin Christine Class. Mehr noch: „Das jetzige System ist für pflegende Angehörige unfair“, sagt Dr. Inge Gräßle. Daran soll sich etwas ändern. Als einen Schritt auf diesem Weg hat Christine Class die Bundestagsabgeordnete zu einer Gesprächsrunde eingeladen, in der Betroffene erzählen, was sie leisten und was ihnen fehlt. Engagiert mit dabei: Margot Wagner vom Kreisfrauenrat Ostalb.

Annegret Schatz, 68 Jahre alt, hat aufgeschrieben, was sie nicht aussprechen kann: „Das bin ich: pflegende Angehörige, in ständiger Sorge und Fürsorge um meinen an Parkinson erkrankten Mann, ständig zu Hause, am Abgrund stehend einer vor sich hin kriechenden, ausweglosen Krankheit, ... ,gefangen in der Hilflosigkeit der Abhängigkeit, nach glücklichen Jahren, mutlos, kraftlos, traurig - sieht man mir das an?“

Ihr Text ist für den Deutschen Katholikentag vom 25. bis 29. Mai in Stuttgart gedacht, ebenso wie andere kreative Werke von Frauen aus dem Gesprächskreis für pflegende Angehörige, den Christine Class leitet und
der von der katholischen Sozialsta-tion Sankt Martin getragen wird.

Vier der Frauen sind an diesem Vormittag gekommen. Sieglinde Abele, 60, pflegt ihren Mann, der mit 50 Jahren erkrankte und heute dement ist. Rita Groß, 73, kümmert sich um ihre Mutter, die in diesem Jahr 100 wird. Irmgard Schlotterer, 72, pflegt ihren Mann, der vor rund 20 Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat. Sie hat für den Katholikentag ein Bild mit einer strahlenden Sonne vor düsterem Hintergrund gemalt: „Egal, wie schwarz es drumherum ist“, erklärt sie den anderen: „Die Sonne geht jeden Morgen wieder auf. Das trägt mich.“

Ihr Bild zeigt, wie viel Kraft pflegende Angehörige brauchen. Sie fragen sich, warum dazu äußere Strukturen kommen müssen, die ihnen die Pflege noch erschweren. „Wenn man viel Geld hat, kann man die häusliche Pflege wunderbar einrichten“, sagt Annegret Schatz. Man könne Leute ins Haus holen, die die Pflege übernehmen. Doch klaffe die Schere auseinander zwischen denen, die solche Leistungen mühelos bezahlen könnten und denen, die das Meiste selbst verrichten. Wie niederdrückend es ist, wenn Staat und Versicherungen die Leistung der pflegenden Angehörigen zu gering schätzen, kommt an diesem Morgen zur Sprache.

Es beginne mit der finanziellen Bevorzugung der Pflegeheime. „Ich verstehe das nicht“, sagt Annegret Schatz. „Nur, wenn ich meinen Partner ins Pflegeheim bringe, erhalte ich Geld von der Pflegekasse. Wenn ich ihn zuhause pflege, aber nicht.“ Stattdessen müssten pflegende Angehörige Hilfeleistungen aus fünf verschiedenen Töpfen beantragen und oft genug gegen deren Ablehnung Widerspruch einlegen, ergänzt Christine Class. Ihrer Würde entspräche, wenn die Leistungen zusammengefasst würden und sie selbst entscheiden könnten, was ihre jeweilige Situation unterstützt. „Man muss zu Hinz und Kunz, um aus jedem Fördertopf etwas zu beantragen, weiß oft nicht, an wen man sich wenden kann, und muss alles erfragen“, bestätigt Rita Groß. „Und wenn morgens eine Pflegekraft fürs Waschen ins Haus kommt, wird mir das von meinem Pflegegeld abgezogen, obwohl ich trotzdem 24 Stunden lang da bin“, ergänzt Annegret Schatz. „Diese Gesetzgebung ist unverständlich.“

Die Pflegeheime seien finanziell bessergestellt, bestätigt Margot Wagner: „Pflegende Angehörige fallen unter den Teppich, weil sie keine Lobby haben.“ Stattdessen schaffe die Politik mit ihrer Gesetzgebung einen „Zug ins Heim“, und das, obwohl rund 80 Prozent der Menschen im Pflegefall eigentlich lieber zuhause bleiben würden. Sie organisiere damit auch selbst den Mangel an Pflegeplätzen mit, sagt Inge Gräßle. Um das zu ändern, müsste man die häusliche Pflege besser stellen, also ihren finanziellen Anteil „gewaltig erhöhen“. Große Chancen räumt die Politikerin diesem Ansinnen im Bund nicht ein: Die Kosten der Coronapandemie ließen kaum Spielraum.
Für eine Zusammenfassung der verschiedenen Hilfeleistungen einzutreten nahm die Bundestagsabgeordnete dagegen als Auftrag aus dem Gespräch mit, ebenso wie einen Wunsch, den Annegret Schatz aussprach: „Dass die Pflegenden in eigener Verantwortung entscheiden, für was sie die Hilfsgelder ausgeben, sei es fürs Vorlesen oder eine polnische Hilfskraft.“

Unterschiedliche Erfahrungen haben die Betroffenen mit einer 24-Stunden-Pflegekraft im Haus gemacht. „Mit rund 3000 Euro im Monat kostet das fast so viel wie ein Heimplatz“, sagt Annegret Schatz. Inge Gräßle, die das Thema häusliche Pflege auch persönlich berührt, erlebt Positives: „Ohne die hingebungsvolle Pflege unserer Polin würde meine fast 92-jährige Mutter nicht mehr leben.“ Eine Neuregelung der 24-Stunden-Pflege, an der die Koalition in Berlin arbeite, sieht sie äußerst kritisch. „Sie ist gut gemeint, um Schwarzarbeit zu bekämpfen und gute Arbeitsbedingungen zu schaffen, macht das Modell aber unmöglich“, so Inge Gräßle. Nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts steht der Mindestlohn auch ausländischen Betreuungskräften zu, sowohl tagsüber als auch nachts. Für einen Pflegebedürftigen zuhause müssten drei Pflegekräfte im Schichtdienst beschäftigt werden. Auch die Kosten würden sich damit verdreifachen. Kommt die Neuregelung, so Gräßle, bedeute sie für die 24-Stunden-Pflege in der Praxis das Aus.

Ob mit Pflegekraft im Haus oder ohne: Bei manchen pflegenden Angehörigen schmilzt mit der Zeit das Ersparte „wie Butter in der Sonne“ - gerade, wenn mit dem Ehemann der Hauptverdiener zum Pflegefall geworden ist
und die Ehefrau für seine Pflege ihre eigene Berufstätigkeit aufgibt. Erst, wenn vom Vermögen nur noch 5000 Euro auf dem Konto sind, springe das Sozialamt ein, bestätigt Inge Gräßle. Zwar stehe im Koalitionsvertrag, das Schonvermögen solle erhöht werden. Doch bezweifelt die Abgeordnete, dass es in der derzeitigen Finanzlage so kommt. Damit würden pflegende Angehörige zu Sozialfällen gemacht, kritisiert Irmgard Schlotterer. In der Folge sei auch die Rente betroffen: Es bestehe die Gefahr, dass pflegende Angehörige, zumeist die Frauen, in Altersarmut fielen. Gräßle kann nur zustimmen und ergänzen: „Braucht ein Elternteil die Pflege, ist es oft das elterliche Haus, das „draufgeht“. Sie rät zur Beratung. „Jeder Fall ist hier ein Einzelfall, jeder muss damit zum Spezialisten gehen.“

Dieser Rat steht im Gegensatz zu einem Wunsch, der alle Gesprächsteilnehmerinnen umtreibt: eine einzige Anlaufstelle zu schaffen, bei der pflegende Angehörige sich umfassend beraten lassen könnten, statt „von Pontius zu Pilatus zu laufen“, formuliert es Christine Class. Sie plädiert außerdem für eine „aufsuchende Struktur“ für ältere pflegende Angehörige, also dass ein Berater in die Familie komme. Einen Lobby-Verein für pflegende Angehörige, den Margot Wagner anregt, gibt es mit dem Verein „Wir pflegen“ bereits: allerdings noch nicht in Baden-Württemberg. „Die Strukturen sind da. Wir bräuchten nur Personen, die das hier machen“, wirbt Christine Class.
Auch Sieglinde Abele hat ein Vorhaben. Sie hat erkannt, dass die Tagespflege in ihren Strukturen hauptsächlich auf gebrechliche Menschen ausgerichtet ist. Deshalb möchte sie eine Betreuungsgruppe für mobile Demente wie etwa ihren eigenen Mann aufbauen. Nach 45 Jahren Berufstätigkeit sei ihre Rente sicher, die Kinder aus dem Haus, sie könne für ihn da sein. „Ich will das alleine schaffen.“ Doch ein paar Stunden gebe sie ihren Mann in die Tagespflege, „denn ich brauche auch Zeit für mich“.

Inge Gräßle hört sich alle Forderungen an. Nicht allen räumt sie politische Chancen ein, verspricht aber, sich für die Stärkung der häuslichen Pflege einzusetzen und die Frauen über den Stand der Debatte in der Koalition auf dem Laufenden zu halten: „Ich bin auf Ihrer Seite.

Aalener Nachrichten 29.01.2022

 

Pflegende Angehörige im Gespräch mit Abgeordneten Podiumsdiskussion

Das Thema Pflege darf nicht in der Schublade verschwinden so die Frauen des Kreisfrauenrat Ostalb e.V. bei der Vorstandsitzung diese Woche.


Auf Einladung von Kreisfrauenrat Ostalb e.V., Supervisorin Christine Class, Katholischer Erwachsenenbildung Bildungswerk Ostalbkreis e.V. und Katholischer Sozialstation ST. MARTIN stellten sich die Mitglieder des Deutschen Bundestags Leni Breymaier, Roderich Kiesewetter und Margit Stumpp den Fragen der Pflegenden Angehörigen im Rahmen einer Online-Podiumsdiskussion. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Geschäftsführer der Sozialstation, Martin Weweler. Ein weiterer Austausch sei geplant.
Nähere Infos aus dem Artikel der Schwäbischen Post vom 15.7.2021 (Bea Wiese):

Pflege zuhause - Ein Knochenjob
Sorgen und Nöte pflegender Angehöriger: Online-Diskussion mit Bundestagsabgeordneten zeigt einiges an Verbesserungsbedarf und mögliche Hilfen auch im Ostalbkreis.

Aalen
Zukunft der Hilfen für häusliche Pflege im Ostalbkreis – Titel einer Online-Diskussion, zu der der Kreisfrauenrat und Supervisorin Christine Class am Mittwochabend eingeladen hatten. Unter der Moderation von Martin Weweler, Geschäftsführer der katholischen Sozialstation St. Martin, ging es um Sorgen, Nöte und Bedürfnisse pflegender Angehöriger. Konkret formuliert waren die in Statements, die jeweils in Fragen mündeten an die drei Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter (CDU), Leni Breymaier (SPD) und Margit Stumpp (Grüne).
Anne Klöcker umriss in einem Eingangsimpuls als „Eine von Vielen“, wie Pflege eine feste Größe in Deutschland ist: 4,13 Millionen Menschen sind pflegebedürftig, 3,31 Millionen von ihnen werden zuhause versorgt – davon 2,33 Millionen durch Angehörige. Für letztere sei diese oft über Jahre andauernde Tätigkeit „ein Balanceakt zwischen ständiger Verfügbarkeit und Abgrenzung“, ein zeit- und nervenaufreibender Job im Dschungel von Anforderungen und bürokratischen Hürden der Behörden, Pflege- und Krankenkassen. Alle drei Bundestagsabgeordneten lobten die kompakte Darstellung und berichteten von Pflege aus eigenem Erleben in der Familie, teilweise waren sie selbst in der Rolle der Pflegenden.

In kurzen Vorträgen schilderten pflegende Angehörige dann, wo der Schuh drückt. „Wir sind die Finanziers der Pflege“, aber sie fühle sich nicht anerkannt, sagt Annegret Schatz, die einen Parkinson-Kranken daheim versorgt. Ihr Forderungskatalog reicht von finanziellem Ausgleich über bundesweit einheitliche Standards der Pflegeberatung bis hin zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe. Eine andere Forderung einer Angehörigen, stellvertretend von Christine Class vorgetragen: weniger Bürokratie und mehr Selbstbestimmung, damit auch mehr Würde für Pflegende, indem ihnen ermöglicht wird, eigenständig über das Unterstützungsbudget und damit die Art der Versorgung ihres Patienten zu verfügen.

Egon Behr, Sprecher der Selbsthilfegruppe pflegender Angehöriger aus Schwäbisch Gmünd, ist „zunehmend frustriert über die Gesetzeslage“. Kindererziehung werde bei der Altersvorsorge „stark gewürdigt“, Pflegeleistung aber unzureichend angerechnet. „Es gibt Beispiele in Europa, wie ein besseres Modell aussehen könnte.“ Uwe Engelmann, Vater einer behinderten Siebenjährigen, vermisst vor allem Angebote zur stundenweisen Entlastung bei der Betreuung, so dass zumindest Teilzeit-Berufstätigkeit wieder möglich werde.
Die drei Bundestagsabgeordneten hatten sich auf die Statements der Pflegenden gut vorbereitet. Unisono plädierten sie für den Ausbau von Tages- und Kurzzeitpflegeangeboten, für mehr Unterstützung von Pflegenden und sehen Handlungsbedarf bei der Anerkennung von Pflegezeiten bei der Rente.

Leni Breymaier:
Das ganze Thema Pflege dürfe man nicht losgelöst von der Finanzierung besprechen, so die SPD-Abgeordnete. Ihr Konzept: Einführung einer Bürgerversicherung, „auch die Vermögenssteuer ist eine Möglichkeit, mehr Geld ins System zu kriegen“, Zuzahlungen deckeln „und nicht die Leistungen“, Pflegelotsen einführen.

Roderich Kiesewetter:
Der CDU-Abgeordnete will den Pflegestützpunkt im Ostalbkreis weiterentwickeln und schlägt vor, eine neue Art von Pflegebetreuungsdienst auf der Ostalb, in Kombination mit FSJ oder Bufdi zu organisieren, als Entlastung für Eltern. Mit der jüngsten Pflegereform sei unter anderem erreicht, dass die finanzielle Beteiligung an Pflegeheimkosten nach und nach gedeckelt werde. Die Pflegekassen seien verpflichtet worden, alle drei Jahre einen Evaluierungsbericht vorzulegen. Auf Einwände in der Diskussion, das sei zu langwierig, sagt er: „Das Gesetz ist neu, man kann nicht sofort nachsteuern“.

Margit Stumpp:
Sie musste Veranstaltung wegen einer Veranstaltung im Wahlkreis vorzeitig verlassen, sieht aber einen ganzen „Strauß von Herausforderungen“. Ihre Vorschläge: eine zentrale Anlaufstelle für pflegende Angehörige einrichten, unterstützende Dienste ausbauen, zum Beispiel durch Kräfte wie die früheren Gemeindeschwestern, Rahmenbedingungen schaffen, um Pflege im Quartier zu etablieren.

Alle drei Abgeordneten appellieren an Betroffene, sich und ihren Forderungen mehr Gehör zu verschaffen, lauter zu werden. Breymaier: „Notfalls müssen Sie das Lautsein delegieren!“ Insbesondere in den Koalitionsverhandlungen im Herbst komme es darauf an, sich Gehör zu verschaffen. Denn die Lobby der stationären Pflege sei immens.

 

Einladung zur Onlineveranstaltung für pflegende Angehörige am 14.07.2021

Einfach das PDF herunterladen und Link zur Veranstaltung öffnen...

Pflege? Wie stellt sich die Ostalb dazu?

Das Thema Pflege darf nicht in der Schublade verschwinden so die Frauen des Kreisfrauenrat Ostalb e.V. bei der Vorstandsitzung diese Woche.


Die Projektgruppe Pflege arbeitet gemeinsam mit Maria Sinz von der KAB und Esther Hoffmann von der Pflegeschule in Ellwangen kompetent am Thema. Pflegekräfte, egal ob Alten-, Intensiv-, Kranken-, Behindertenpflege und Hebammen sowie die pflegenden Angehörigen müssen von der Öffentlichkeit mehr Wertschätzung und zwar monetär und ideell erfahren. 

Wie kommen wir ins „TUN“?

Eine Zusammenarbeit aller Akteure nicht nur auf der Ostalb ist wichtig um Menschen in der Pflege die notwendige Anerkennung und Wertschätzung zu verschaffen. Es ist ein politisches Thema für die Allgemeinheit.

Eine erste Möglichkeit aller Ostalb-Bürgerinnen und Ostalb-Bürger ins TUN zu kommen ist, die Petition
„Pflege braucht Zukunft“
der KAB zu unterzeichnen.
Diese Petition der KAB im Vorfeld der Bundestagswahlen wird öffentlich übergeben. 

Die Petition kann entweder beim KAB-Diözesanverband E-Mail: PNiedergesaess@blh.drs oder www.kab-drs.de oder in Aalen bei der KAB unter msienz@blh.drs.de angefordert werden.
Oder öffnen Sie den unten angeführten Link zur Petition einfach gleich herunter. 

Ihr Engagement ermöglicht eine bessere Zukunft der Pflege! Tun wir was.

 


Mehr Informationen zum Thema Pflege braucht Zukunft findet ihr im Flyer.

 

Flyer Pflege braucht Zukunft.pdf
PDF-Dokument [2.6 MB]

Wir geben Halt - wär hält uns?                        Pflegende Angehörige im Gespräch.

Ein Text zum Pflegeforum am 11.03.2021 von Anne Klöcker

Eine von vielen

 

Hallo, ich bin eine von Vielen.

Ich fange mit den Zahlen an.
Die sind erst mal für uns alle gleich.
Feste Größen, verdaubar, ohne Individualität.
Berechenbar und so verführerisch überschaubar.

 

4,13 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig.
3,31 Millionen Menschen werden zu Hause versorgt.
2,33 Millionen Menschen überwiegend durch Angehörige.
 

Sehen Sie, das tut kaum weh, man setzt es in Relation zur Gesamtbevölkerung, wägt ab, sortiert, Z.B. so
• Ja, ja, ja, ja, ja, es wird sich wahrscheinlich um einen größeren Anteil weiblicher zu Pflegenden handeln,
   die Vergangenheit, Geburtenrate, Lebenserwartungen. 
• Oder: Wie wird sich das wohl im Laufe der Jahre im demographischen Wandel verändern??
• Oder: Wie wird Pflegebedürftigkeit eigentlich genau definiert? 
• Oder: Hoffentlich trifft mich das nicht.
• Oder: Das werde ich wenn dann schon alleine schaffen.
 

Die Vorstellung wie es sein wird, selbst zu den zu Pflegenden zu gehören, ist sehr vage, bis zu einem gewissen Alter unvorstellbar. Die Vorstellung wie es sein wird selbst zu pflegen, ist genauso unvorstellbar.
Diese Angst - einen Menschen, so wie man ihn kennt, liebt, zum großen Teil zu verlieren, manchmal Stück für Stück, manchmal plötzlich. Das eigene Leben, so wie man es kennt, zu verlieren, manchmal Stück für Stück, manchmal plötzlich. Der erste Schritt in die Pflege bedeutet meist Schmerz und Verlust.

 

3,31 Millionen Menschen werden Zuhause versorgt.

3,31 Millionen Mal...

 

kämmen, Essen reichen, waschen, drehen, abduschen, stützen, anziehen, aufrichten, halten, knöpfen, Latz umbinden, Po abwischen,Wäsche wechseln, aufwischen, Haare waschen, Tabletten geben, Nägel schneiden, Betten abziehen, Betten beziehen, Betten abziehen, Mund abwischen, lagern, Windeln wechseln, rasieren, cremen, bewegen, nicht einschlafen können, beobachten... Erschrecken vor der eigenen Abhängigkeit.
Geht es ihm gut, bin ich erleichtert, froh, zuversichtlich. Geht es ihr schlecht, muss ich mich mehr anstrengen.
Ich bin schließlich verantwortlich.Ich muss ahnen, permanent wahrnehmen wie es meiner Mutter/Schwieger-mutter, dem Vater/Schwiegervater, Partner/ Partnerin geht. Ich muss Entscheidungen treffen, muss Hindernisse aus dem Weg räumen, muss Hürden bewältigen.

 

Das Pflegen ist ein Prozess, in den man hineinwachsen muss.
Das Pflegen ist ein Prozess, in dem man sehr viel muss, nicht kann. 

(Ein*e pflegende*r Angehörige*r gibt einen großen Anteil seiner selbst auf.)

 

Den Balanceakt zwischen ständiger Verfügbarkeit und  Abgrenzung muss ich genauso lernen, wie ich mit dem Zwiespalt fertig werden muss zwischen Hinwendung und Erschöpfung, Liebe und Selbstverantwortung, dem Alter und der Erinnerung.Und meistens fühlt man sich sehr allein damit.

Nicht nur finanzielle Sorgen oder Ängste lassen einen davor zurückschrecken, jemand „Fremden” zur Hilfe ins Haus zu holen. Da lauert der eigene Perfektionismus, die Mühe und Umständlichkeit, jemand anderen in dieser sehr intimen, eingespielten Sache zu akzeptieren, das Sich-vielleicht-vor-anderen- rechtfertigen-müssen oder auch die Ablehnung des zu Pflegenden. Der Schritt anzuerkennen, dass ich in diesem Dschungel der Anforderungen sehr verloren bin, ist groß. Und schon wartet die nächste Hürde. 

Von Seiten der Kranken und Pflegekasse erscheint vieles erst mal umständlich, zeitraubend und langwierig.

Die Pflege frisst mich förmlich auf, das Sorgen, das Umsorgen, das Sorgen, das Umsorgen.
Der eigene Körper, der Körper des Anderen, all die Dinge, die erledigt werden müssen, den ganzen Tag, immer und immer wieder.


Geschichte über die Beantragung eines Pflegehilfsmittels (PRIVAT)

Zunächst muss man beim Hausarzt ein entsprechendes Rezept holen. Dies reicht man beim Sanitätshaus ein und fordert einen Kostenvoranschlag an. Bekommt man ihn, muss das Original erst an die Kranken-, dann von dieser an die Pflegekasse weitergeschickt werden, eine Kopie erhält die Beihilfe. Nach Wochen erhält man eine Zu- oder Absage. Erhält man eine Zusage, dann „darf” das Sanitätshaus liefern und anschließend die Rechnung schicken. Zunächst muss man selbst bezahlen. Hier wieder: das Original erhält erst die Kranken- dann von dieser die Pflegekasse, eine Kopie die Beihilfe. Dann vergehen erneut Wochen und Monate, bevor man das Geld zurück erhält.

Hat man eine Absage erhalten, dann bekommt man ein Schreiben von der Pflegekasse, dass jemand vom medi-zinischem Dienst die Lage beurteilen soll, d.h. ob man auch wirklich das Pflegehilfsmittel braucht. Dazu muss man ein seitenlanges Pflegeprotokoll ausfüllen, in dem alles beschrieben werden muss, was der Krankenkasse und der Pflegekasse schon längst bekannt ist, wie z. B. seit wann die Pflegebedürftigkeit vorliegt, wann Kranken-hausaufenthalte waren, Diagnosen, Medikamente, Arztberichte, wie die Situation im Haus ist, wie viele Stufen etc. Dieses schickt man zurück.
Nach Wochen meldet sich jemand vom Medizinischem Dienst und begutachtet - entweder persönlich oder in Coronazeiten per Telefon. Das Gespräch dauert ca. eine Stunde. Hier werden erneut die gleichen Fragen gestellt, die man bereits in dem Pflegeprotokoll beantwortet hat z. B. hinsichtlich der Genehmigung eines Pflegebettes. 
Da der zu Pflegende nicht im Bett gepflegt d.h. gewaschen wird, sondern im Bad, ist dieses Bett nicht notwendig. Es gibt hier Vorgaben.
Und morgen erzähle ich Ihnen die Geschichte zur Beantragung einer WC – Sitzerhöhung....


Vielleicht liegt vielen Missverständnissen zugrunde, dass man von gewissen Vorgaben und  notwendigen Abläufen keine Ahnung hat. Was mir wie Hohn vorkommt, hat wahrscheinlich Gründe. Diesen Regeln und Zuordnungen liegen jahrzehntelange Erfahrungen und Evaluationen voraus. Nun denn, bitte, teilen wir sie. 

Fakt ist nämlich auch , dass die Pflegekassen durch die pflegenden Angehörigen Einsparungen von  jährlich Milliarden Euros haben. Würden die Pflegenden ihre Verantwortung abgeben müssen, wäre das eine von der Öffentlichkeit nicht zu füllende Lücke. Eine sensible Beziehung die viel Miteinander braucht, ein Hinhören, ein Mitfühlen, ein Wissen, ein Informieren.
Wie gut dass diese Veranstaltung ein Schritt dahin ist.
Wie gut dass Sie heute da sind.
 

Rückmeldebogen zur Veranstaltung

Herzlichen Dank für Ihr Mitwirken und Dabei sein beim Auftakt zur Reihe „Pflegende Angehörige im Gespräch“.
Wir möchten dran bleiben bleiben! Dafür ist uns Ihre Rückmeldung zu folgenden Punkten wichtig.
Vielen Dank!
 

  • War die Dauer der Veranstaltung (1,5 Std) angemessen, zu kurz oder zu lang?
  • Haben Sie Themenwünsche für Folgeveranstaltungen?
  • Sollte es unbedingt oder eher nicht eine Vereinsgründung zur Vertretung Angehöriger geben?    
  • Brauchen wir mehr politischen Einfluss über andere Wege?
  • Was ist mir durch die Podiumsteilnehmer/innen wichtig geworden ist?
  • Haben Sie durch die Pflegenden Angehörigen Frauen einen neuen Impuls bekommen?


Gerne hätten wir ein Feedback zu unserer Veranstaltung und wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns den Rückmeldebogen, auch gerne nach dem 17.3., zusenden würden.

Rückmeldebogen zur Veranstaltung "Pflegende Angehörige im Gespräch"
Rückmeldebogen.pdf
PDF-Dokument [112.5 KB]

Equal Care Day -                                    Anerkennung von Care Arbeit ist uns wichtig!

Wir alle sind in unserem Lebensverlauf auf die fürsorgliche Zuwendung und Versorgung anderer angewiesen: Das gilt für Neugeborene ebenso wie für Kinder im Vor- und Grundschulalter, aber auch als junge Erwachsene, als Berufstätige, bei Krankheit oder Behinderung und schließlich als ältere Menschen profitieren wir im Alltag immer wieder von der Care-Arbeit anderer; Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und gesellschaftliches Miteinander hängen davon ab. 

 

Diese Care-Arbeiten und die Mental Load werden vor allem von Frauen und Mädchen getragen – unbezahlt oder unterbezahlt. Dadurch bleibt ihnen weniger, manchmal gar keine Zeit für Erwerbsarbeit, zur Aus- und Fortbildung, und sie verfügen deshalb über weniger oder kein eigenes Einkommen. Weltweit übernehmen Frauen täglich mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit (Oxfam-Studie 2020). 

 

Der Equal Care Day ist eine unabhängige und zivilgesellschaftliche Initiative. Sie lädt Gleichgesinnte zum Zusammenschluss ein, um gemeinsam lauter und wirkmächtiger die Sichtbarkeit, Wertschätzung und faire Verteilung von Care-Arbeit einzufordern und durchzusetzen. 

Ausführliche Informationen zum Thema finden Sie unter folgendem Link: https://equalcareday.de/manifest/

 

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