Wir geben Halt - wär hält uns?                        Pflegende Angehörige im Gespräch.

Ein Text zum Pflegeforum am 11.03.2021 von Anne Klöcker

Eine von vielen

 

Hallo, ich bin eine von Vielen.

Ich fange mit den Zahlen an.
Die sind erst mal für uns alle gleich.
Feste Größen, verdaubar, ohne Individualität.
Berechenbar und so verführerisch überschaubar.

 

4,13 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig.
3,31 Millionen Menschen werden zu Hause versorgt.
2,33 Millionen Menschen überwiegend durch Angehörige.
 

Sehen Sie, das tut kaum weh, man setzt es in Relation zur Gesamtbevölkerung, wägt ab, sortiert, Z.B. so
• Ja, ja, ja, ja, ja, es wird sich wahrscheinlich um einen größeren Anteil weiblicher zu Pflegenden handeln,
   die Vergangenheit, Geburtenrate, Lebenserwartungen. 
• Oder: Wie wird sich das wohl im Laufe der Jahre im demographischen Wandel verändern??
• Oder: Wie wird Pflegebedürftigkeit eigentlich genau definiert? 
• Oder: Hoffentlich trifft mich das nicht.
• Oder: Das werde ich wenn dann schon alleine schaffen.
 

Die Vorstellung wie es sein wird, selbst zu den zu Pflegenden zu gehören, ist sehr vage, bis zu einem gewissen Alter unvorstellbar. Die Vorstellung wie es sein wird selbst zu pflegen, ist genauso unvorstellbar.
Diese Angst - einen Menschen, so wie man ihn kennt, liebt, zum großen Teil zu verlieren, manchmal Stück für Stück, manchmal plötzlich. Das eigene Leben, so wie man es kennt, zu verlieren, manchmal Stück für Stück, manchmal plötzlich. Der erste Schritt in die Pflege bedeutet meist Schmerz und Verlust.

 

3,31 Millionen Menschen werden Zuhause versorgt.

3,31 Millionen Mal...

 

kämmen, Essen reichen, waschen, drehen, abduschen, stützen, anziehen, aufrichten, halten, knöpfen, Latz umbinden, Po abwischen,Wäsche wechseln, aufwischen, Haare waschen, Tabletten geben, Nägel schneiden, Betten abziehen, Betten beziehen, Betten abziehen, Mund abwischen, lagern, Windeln wechseln, rasieren, cremen, bewegen, nicht einschlafen können, beobachten... Erschrecken vor der eigenen Abhängigkeit.
Geht es ihm gut, bin ich erleichtert, froh, zuversichtlich. Geht es ihr schlecht, muss ich mich mehr anstrengen.
Ich bin schließlich verantwortlich.Ich muss ahnen, permanent wahrnehmen wie es meiner Mutter/Schwieger-mutter, dem Vater/Schwiegervater, Partner/ Partnerin geht. Ich muss Entscheidungen treffen, muss Hindernisse aus dem Weg räumen, muss Hürden bewältigen.

 

Das Pflegen ist ein Prozess, in den man hineinwachsen muss.
Das Pflegen ist ein Prozess, in dem man sehr viel muss, nicht kann. 

(Ein*e pflegende*r Angehörige*r gibt einen großen Anteil seiner selbst auf.)

 

Den Balanceakt zwischen ständiger Verfügbarkeit und  Abgrenzung muss ich genauso lernen, wie ich mit dem Zwiespalt fertig werden muss zwischen Hinwendung und Erschöpfung, Liebe und Selbstverantwortung, dem Alter und der Erinnerung.Und meistens fühlt man sich sehr allein damit.

Nicht nur finanzielle Sorgen oder Ängste lassen einen davor zurückschrecken, jemand „Fremden” zur Hilfe ins Haus zu holen. Da lauert der eigene Perfektionismus, die Mühe und Umständlichkeit, jemand anderen in dieser sehr intimen, eingespielten Sache zu akzeptieren, das Sich-vielleicht-vor-anderen- rechtfertigen-müssen oder auch die Ablehnung des zu Pflegenden. Der Schritt anzuerkennen, dass ich in diesem Dschungel der Anforderungen sehr verloren bin, ist groß. Und schon wartet die nächste Hürde. 

Von Seiten der Kranken und Pflegekasse erscheint vieles erst mal umständlich, zeitraubend und langwierig.

Die Pflege frisst mich förmlich auf, das Sorgen, das Umsorgen, das Sorgen, das Umsorgen.
Der eigene Körper, der Körper des Anderen, all die Dinge, die erledigt werden müssen, den ganzen Tag, immer und immer wieder.


Geschichte über die Beantragung eines Pflegehilfsmittels (PRIVAT)

Zunächst muss man beim Hausarzt ein entsprechendes Rezept holen. Dies reicht man beim Sanitätshaus ein und fordert einen Kostenvoranschlag an. Bekommt man ihn, muss das Original erst an die Kranken-, dann von dieser an die Pflegekasse weitergeschickt werden, eine Kopie erhält die Beihilfe. Nach Wochen erhält man eine Zu- oder Absage. Erhält man eine Zusage, dann „darf” das Sanitätshaus liefern und anschließend die Rechnung schicken. Zunächst muss man selbst bezahlen. Hier wieder: das Original erhält erst die Kranken- dann von dieser die Pflegekasse, eine Kopie die Beihilfe. Dann vergehen erneut Wochen und Monate, bevor man das Geld zurück erhält.

Hat man eine Absage erhalten, dann bekommt man ein Schreiben von der Pflegekasse, dass jemand vom medi-zinischem Dienst die Lage beurteilen soll, d.h. ob man auch wirklich das Pflegehilfsmittel braucht. Dazu muss man ein seitenlanges Pflegeprotokoll ausfüllen, in dem alles beschrieben werden muss, was der Krankenkasse und der Pflegekasse schon längst bekannt ist, wie z. B. seit wann die Pflegebedürftigkeit vorliegt, wann Kranken-hausaufenthalte waren, Diagnosen, Medikamente, Arztberichte, wie die Situation im Haus ist, wie viele Stufen etc. Dieses schickt man zurück.
Nach Wochen meldet sich jemand vom Medizinischem Dienst und begutachtet - entweder persönlich oder in Coronazeiten per Telefon. Das Gespräch dauert ca. eine Stunde. Hier werden erneut die gleichen Fragen gestellt, die man bereits in dem Pflegeprotokoll beantwortet hat z. B. hinsichtlich der Genehmigung eines Pflegebettes. 
Da der zu Pflegende nicht im Bett gepflegt d.h. gewaschen wird, sondern im Bad, ist dieses Bett nicht notwendig. Es gibt hier Vorgaben.
Und morgen erzähle ich Ihnen die Geschichte zur Beantragung einer WC – Sitzerhöhung....


Vielleicht liegt vielen Missverständnissen zugrunde, dass man von gewissen Vorgaben und  notwendigen Abläufen keine Ahnung hat. Was mir wie Hohn vorkommt, hat wahrscheinlich Gründe. Diesen Regeln und Zuordnungen liegen jahrzehntelange Erfahrungen und Evaluationen voraus. Nun denn, bitte, teilen wir sie. 

Fakt ist nämlich auch , dass die Pflegekassen durch die pflegenden Angehörigen Einsparungen von  jährlich Milliarden Euros haben. Würden die Pflegenden ihre Verantwortung abgeben müssen, wäre das eine von der Öffentlichkeit nicht zu füllende Lücke. Eine sensible Beziehung die viel Miteinander braucht, ein Hinhören, ein Mitfühlen, ein Wissen, ein Informieren.
Wie gut dass diese Veranstaltung ein Schritt dahin ist.
Wie gut dass Sie heute da sind.
 

Rückmeldebogen zur Veranstaltung

Herzlichen Dank für Ihr Mitwirken und Dabei sein beim Auftakt zur Reihe „Pflegende Angehörige im Gespräch“.
Wir möchten dran bleiben bleiben! Dafür ist uns Ihre Rückmeldung zu folgenden Punkten wichtig.
Vielen Dank!
 

  • War die Dauer der Veranstaltung (1,5 Std) angemessen, zu kurz oder zu lang?
  • Haben Sie Themenwünsche für Folgeveranstaltungen?
  • Sollte es unbedingt oder eher nicht eine Vereinsgründung zur Vertretung Angehöriger geben?    
  • Brauchen wir mehr politischen Einfluss über andere Wege?
  • Was ist mir durch die Podiumsteilnehmer/innen wichtig geworden ist?
  • Haben Sie durch die Pflegenden Angehörigen Frauen einen neuen Impuls bekommen?


Gerne hätten wir ein Feedback zu unserer Veranstaltung und wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns den Rückmeldebogen, auch gerne nach dem 17.3., zusenden würden.

Rückmeldebogen zur Veranstaltung "Pflegende Angehörige im Gespräch"
Rückmeldebogen.pdf
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Equal Care Day -                                    Anerkennung von Care Arbeit ist uns wichtig!

Wir alle sind in unserem Lebensverlauf auf die fürsorgliche Zuwendung und Versorgung anderer angewiesen: Das gilt für Neugeborene ebenso wie für Kinder im Vor- und Grundschulalter, aber auch als junge Erwachsene, als Berufstätige, bei Krankheit oder Behinderung und schließlich als ältere Menschen profitieren wir im Alltag immer wieder von der Care-Arbeit anderer; Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und gesellschaftliches Miteinander hängen davon ab. 

 

Diese Care-Arbeiten und die Mental Load werden vor allem von Frauen und Mädchen getragen – unbezahlt oder unterbezahlt. Dadurch bleibt ihnen weniger, manchmal gar keine Zeit für Erwerbsarbeit, zur Aus- und Fortbildung, und sie verfügen deshalb über weniger oder kein eigenes Einkommen. Weltweit übernehmen Frauen täglich mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit (Oxfam-Studie 2020). 

 

Der Equal Care Day ist eine unabhängige und zivilgesellschaftliche Initiative. Sie lädt Gleichgesinnte zum Zusammenschluss ein, um gemeinsam lauter und wirkmächtiger die Sichtbarkeit, Wertschätzung und faire Verteilung von Care-Arbeit einzufordern und durchzusetzen. 

Ausführliche Informationen zum Thema finden Sie unter folgendem Link: https://equalcareday.de/manifest/

 

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